Was Kinder nebenbei über Konsum lernen

Vermischtes konsum shopping
von Kai Bösel

Ein Gastbeitrag von Jasper Cole, u.a. Autor von „Food Unplugged„

„Du kannst nicht immer alles sofort haben.“

Der Satz fällt schnell. Das Kind steht vor einem neuen Spielzeug, der Blick fällt auf den Preis und die Antwort lautet Nein. Zu Hause liegt schließlich genug herum. Außerdem kann man einem Kind nicht jeden Wunsch erfüllen. Es soll lernen, mit Geld umzugehen, zu warten und nicht alles haben zu müssen, nur weil es ihm gerade gefällt.

Ein paar Stunden später sitzt Papa auf dem Sofa. Eigentlich wollte er nur kurz nachsehen, was die Kopfhörer kosten, die ihn seit einiger Zeit interessieren. 30 Prozent reduziert. Nur noch heute. Er bestellt sie.

Natürlich sind das zwei unterschiedliche Dinge. Als Erwachsener verdient er sein eigenes Geld, kann den Preis einschätzen und hat über die Kopfhörer womöglich schon länger nachgedacht. Trotzdem steckt in solchen Situationen ein Widerspruch, über den kaum gesprochen wird: Wir versuchen unseren Kindern einen vernünftigen Umgang mit Wünschen und Konsum beizubringen, während sie gleichzeitig beobachten, wie schwer uns Erwachsenen das selbst fällt. Und sie bekommen mehr davon mit, als uns manchmal bewusst ist.

Papa sagt viel. Aber das Kind sieht noch mehr

Dass Eltern Vorbilder sind, weiß jeder. Interessant wird es dort, wo wir überhaupt nicht vorhaben, ein Vorbild zu sein. Das Kind soll sein Taschengeld nicht sofort ausgeben. Zwei Tage später kommt ein Paket an und der Kommentar dazu lautet: „Im Nachhinein hätte ich mir das auch sparen können.“ Das Kind soll nicht jedem Trend hinterherlaufen, während beim Abendessen begeistert vom neuen Auto des Kollegen erzählt wird. Gleichzeitig hört es, dass Dinge nicht glücklich machen, und erlebt, wie sehr sich die Erwachsenen über eine neue Anschaffung freuen.

Keiner dieser Momente ist besonders dramatisch. Gerade deshalb fallen sie kaum auf. Für einen Erwachsenen haben solche Entscheidungen eine Vorgeschichte. Er weiß, warum er etwas gekauft hat. Möglicherweise wurden drei Wochen lang Preise verglichen, die alte Jacke war wirklich hinüber oder nach einem beschissenen Arbeitstag war einfach der Wunsch da, sich etwas zu gönnen.

Ein jüngeres Kind kennt diese Vorgeschichte oft nicht. Es erlebt zunächst das, was von außen sichtbar ist: Nach Stress wird etwas bestellt, ein Schnäppchen sorgt für Freude, nach einer guten Leistung gibt es eine Belohnung und etwas Neues hebt die Stimmung. Kein Kind macht daraus bewusst eine Regel. Wenn bestimmte Dinge jedoch immer wieder zusammen auftreten, werden sie vertraut. Aus vielen kleinen Situationen entsteht langsam ein Gefühl dafür, was in der eigenen Familie normal ist. Und das kann später wichtiger sein als so manche gut gemeinte Erklärung.

„Das habe ich mir verdient“

Dieser Satz dürfte in vielen Familien schon gefallen sein. Nach einer harten Arbeitswoche wird etwas bestellt, das schon länger auf der Wunschliste steht. Nach dem schwierigen Zahnarztbesuch bekommt das Kind ein Eis. Für die gute Schulnote darf es sich etwas aussuchen. Am Ende einer stressigen Woche bestellt die Familie Pizza und macht es sich gemütlich.

Daran ist zunächst nichts verkehrt. Essen darf Genuss sein, ein Geschenk darf Freude machen und natürlich darf man sich nach einer anstrengenden Woche etwas kaufen. Interessant wird es, wenn sich dieselben Verbindungen immer wiederholen: Leistung und Kaufen, Stress und Essen, Frust und Belohnung. Dann kann sich etwas einschleichen, das nie jemand bewusst beigebracht hat. Das Kind lernt nicht den Satz „Wenn es mir schlecht geht, brauche ich etwas Neues“. Es erlebt nur immer wieder, dass auf bestimmte Gefühle bestimmte Handlungen folgen.

Das Tückische daran ist, dass häufig etwas Gutes dahintersteckt. Nach einer Woche voller Überstunden war kaum Zeit für die Familie. Am Samstag soll das nachgeholt werden. Es wird etwas Schönes unternommen und dazu gibt es eine Kleinigkeit. Nicht weil irgendjemand glaubt, Zuneigung ließe sich kaufen. Man möchte dem Kind einfach eine Freude machen. Beim nächsten Mal läuft es ähnlich und irgendwann gehört die Kleinigkeit fast selbstverständlich dazu. So entstehen Gewohnheiten häufig: nicht durch einen großen Entschluss, sondern weil sich ein bestimmter Ablauf immer wieder bewährt hat.

Auch Erwachsene stecken mittendrin

Es wäre ziemlich unfair, die ganze Sache jetzt bei den Eltern abzuladen. Schließlich entstehen auch die Konsumgewohnheiten Erwachsener nicht in einem luftleeren Raum. Ein rotes Schild verkündet „30 Prozent reduziert“. Ausgerechnet die Schuhe, die vor ein paar Minuten noch gar nicht interessant waren, wirken plötzlich wie eine gute Gelegenheit. Online läuft ein Countdown: nur noch drei Stunden. Ein anderer Artikel ist angeblich „fast ausverkauft“. Und irgendwo sitzt jemand in einem verdammt schönen Wohnzimmer und wirkt verdammt glücklich mit einem Produkt, das man bis gestern nicht einmal kannte.

Natürlich weiß ein Erwachsener, dass dahinter Marketing steckt. Das bedeutet nur leider nicht, dass es wirkungslos wird. Unser Gehirn wägt nicht jeden Kauf von Grund auf neu ab. Gewohnheiten, Preise, Vergleiche, Gefühle und die jeweilige Situation spielen bei Entscheidungen mit hinein. Unternehmen kennen solche Mechanismen ebenfalls und versuchen, Produkte dadurch attraktiver erscheinen zu lassen.

Ein Kind bekommt davon keine Vorlesung über Konsumpsychologie mit. Es sieht das Ergebnis: Etwas wird gekauft, die Freude ist groß und drei Tage später fällt womöglich der Satz: „War eigentlich unnötig.“

Interessant wird, was danach passiert

Dieser letzte Satz kann mehr zeigen, als es zunächst scheint. Niemand muss seinem Kind vorspielen, gegen spontane Wünsche, Angebote oder Marketing immun zu sein. Viel glaubwürdiger ist es, wenn es erlebt, dass Erwachsene ihr eigenes Verhalten bemerken und manchmal auch infrage stellen. „Da bin ich auf das Angebot reingefallen. Im Nachhinein hätte ich mir das auch sparen können.“ Damit wird etwas sichtbar, das sonst im Kopf bleibt. Das Kind sieht nicht nur den Kauf, sondern bekommt auch mit, dass eine Entscheidung später anders bewertet werden kann.

Noch besser lässt sich das beobachten, bevor überhaupt etwas gekauft wurde. Im Laden landet ein interessanter Gegenstand kurz in der Hand, wird betrachtet und anschließend wieder zurückgestellt. „Gefällt mir. Aber eigentlich brauche ich es nicht.“ Keine Predigt und keine Lektion über Minimalismus. Nur ein kurzer Moment im Alltag, bei dem ein Wunsch diesmal nicht an der Kasse endet.

Und dann steht das Kind wieder vor dem Spielzeug

Ein paar Tage später wiederholt sich die Situation vom Anfang. Das Spielzeug ist immer noch interessant und der Satz „Du hast doch schon genug“ liegt schnell auf der Zunge. Doch da waren auch die Kopfhörer, das Angebot und dieses kurze Gefühl, jetzt zugreifen zu müssen, weil es morgen womöglich wieder teurer ist.

Statt nur abzulehnen, könnte das Gespräch deshalb anders verlaufen: „Ich kenne das. Manchmal sehe ich auch etwas und will es sofort haben.“ Das Kind wird deshalb kaum plötzlich voller Dankbarkeit auf seinen Wunsch verzichten. Es will das Spielzeug wahrscheinlich weiterhin. Aber der Wunsch muss nicht sofort entschieden werden. „Wir machen ein Foto davon. Wenn du es nächste Woche immer noch unbedingt möchtest, schauen wir noch mal.“

Damit verändert sich etwas. Die Botschaft lautet nicht mehr nur: Erwachsene dürfen kaufen, Kinder nicht. Stattdessen erlebt das Kind, dass ein Wunsch vorhanden sein darf, ohne dass daraus sofort ein Kauf werden muss.

Kinder dürfen auch sehen, wenn wir nicht kaufen

Kinder erleben ohnehin, wie wir kaufen. Sie dürfen ruhig auch mitbekommen, wie wir uns gegen einen Kauf entscheiden, einen Fehlkauf zugeben oder mit einer Entscheidung erst einmal warten. Die Kopfhörer und das Spielzeug können beide auf einer Wunschliste landen. Eine Woche später wird noch einmal geschaut. Sind sie weiterhin interessant, kann man darüber nachdenken. Manchmal passiert in diesen paar Tagen aber etwas ganz anderes: Der Wunsch verschwindet.

Diese Erfahrung lässt sich nur schwer erklären. Das Gefühl „Das brauche ich unbedingt“ kann im ersten Moment ausgesprochen überzeugend sein und wenige Tage später fast vollständig verschwunden sein. Warten bedeutet deshalb nicht automatisch Verzicht. Es schafft zunächst Abstand zwischen dem ersten Impuls und der Entscheidung. Für ein Kind wird diese Erfahrung besonders glaubwürdig, wenn nicht nur von ihm verlangt wird, diesen Abstand auszuhalten, sondern Erwachsene dasselbe tun.

Auch Belohnung kann anders aussehen

Ähnlich verhält es sich mit den kleinen Belohnungen, die sich in den Alltag einschleichen. Nach der guten Schulnote darf sich das Kind etwas aussuchen, nach dem Zahnarzt gibt es ein Eis und am Ende einer anstrengenden Woche wird etwas bestellt. Nichts davon muss verschwinden. Es muss nur nicht jedes Mal nach demselben Muster ablaufen.

Nach einer guten Note könnte das Kind beispielsweise entscheiden, was am Wochenende gemeinsam unternommen wird. Nach einem schwierigen Tag tut eine gemeinsame Runde draußen womöglich genauso gut. Und nach einer stressigen Woche kann der Filmabend das sein, worauf sich alle freuen. Damit lernt ein Kind nicht, dass Kaufen schlecht und Verzicht gut ist. Das wäre genauso unsinnig. Es erlebt vielmehr, dass Freude, Trost und Belohnung unterschiedlich aussehen können. Ein Eis darf ein Eis bleiben. Nur muss es nicht die einzige Antwort sein.

Mittwochabend bleibt Mittwochabend

Das alles klingt leichter, wenn man entspannt darüber liest. Mittwochabend nach einem langen Arbeitstag sieht die Welt anders aus. Dann wird eben doch die Pizza bestellt. Es wird etwas gekauft, obwohl eigentlich weniger ausgegeben werden sollte, oder das Kind bekommt eine Kleinigkeit, weil für eine lange Diskussion schlicht keine Kraft mehr da ist.

Familienleben findet nicht unter Laborbedingungen statt. Deshalb bringt es wenig, aus jedem Konsum Moment eine pädagogische Übung zu machen. Niemand möchte beim gemeinsamen Abendessen darüber diskutieren, welche langfristigen psychologischen Folgen die bestellte Pizza haben könnte. Wichtiger ist, welches Muster sich über längere Zeit entwickelt. Wird Kaufen zur üblichen Antwort auf Langeweile? Gibt es nach jeder Leistung etwas Materielles? Muss ein Wunsch möglichst schnell erfüllt werden? Wird ein Sonderangebot automatisch zur Gelegenheit?

Oder erlebt ein Kind eben auch, dass ein Wunsch warten kann, etwas wieder ins Regal zurück wandert und Erwachsene offen zugeben, wenn ein Kauf unnötig war? Ebenso wichtig sind die Tage, an denen gute Laune, Trost oder gemeinsame Zeit überhaupt nichts mit Kaufen zu tun haben.

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Kinder brauchen keine perfekten Eltern

Es wäre ohnehin wenig realistisch, Kindern einen vernünftigen Umgang mit Konsum vorleben zu wollen und dabei jeden eigenen Fehltritt zu verstecken. Auch Erwachsene kaufen Dinge, die sie nicht unbedingt brauchen. Sie lassen sich von Angeboten verführen, freuen sich über neue Sachen und sagen nach einer anstrengenden Woche: „Das habe ich mir verdient.“

Das werden Kinder sehen. Sie können aber genauso erleben, dass Erwachsene ihre Meinung ändern, mit einem Kauf warten oder später offen sagen, dass etwas unnötig war. Und sie können sehen, dass ein schlechter Tag nicht zwangsläufig mit einer Bestellung enden muss.

Irgendwann steht kein Elternteil mehr daneben. Dann hat das Kind sein eigenes Geld, eigene Wünsche, Freunde, an denen es sich orientiert, und Marken, die ihm gefallen. Auch Unternehmen werden weiterhin versuchen, ihm zu vermitteln, was angeblich noch fehlt. Verhindern lässt sich das nicht.

Bis dahin hat ein Kind aber jahrelang zugesehen – nicht nur dabei, was gekauft wurde, sondern auch bei all den Dingen, die am Ende doch im Regal geblieben sind.

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